Northwest 200 - 80 Jahre Real Road Racing
Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 29. Mai 2011 um 09:10 Uhr
Armoy, Nordirland im Sommer 1977. Sanfte Hügel, sattgrüne von Steinwällen eingefriedete Weiden. Ausser Vogelzwitschern herrscht beschauliche Stille. Aus einem Gatter biegt ein Traktor behäbig auf eine schmale, wellige Landstraße ein. Die Idylle trügt. Im gleichen Augenblick probt Mervyn 'Robo' Robinson mit seiner reinrassigen Rennmaschine den Schiebestart. Nach ein paar schnellen Schritten schwingt er sich in den Sattel. Schlagartig erwacht der Zweitakter zum Leben. Unter infernalischem Kreischen, einen Haken um das landwirtschaftliche Gefährt schlagend, schießt Robo lang liegend dem Horizont entgegen. Das Motorgeräusch der Yamaha verebbt langsam, der Traktorist ist wieder allein auf weiter Flur, völlig unbeeindruckt. Man kennt sich. Irgendwo müssen die Jungs ja ihre Renner vor dem Wochenende ausprobieren. Bevor es zur Sache geht. Auf abenteuerlichen Kursen, Telegrafenmasten, Laternen und prominente Mauerecken mit Strohballen notdürftig abgedeckt, jagen sie Samstag für Samstag aus purer Freude am Wettbewerb ums Eck.
Tandragee 100, Cookstown 100, Dundrod 100, Killalane, North Monaghan, Nortwest 200 lauten die Zauberworte für die Jugend. In Ermangelung von Playstations, Multiplex-Kinos oder Großraumdiskos ist der Zeitvertreib deutlich Outdoor- und Action-orientiert.
Die finanziellen Mittel sind stark begrenzt und so wird gebastelt und improvisiert, was natürlich am besten geht, wenn man sich zusammen tut. Folglich fragt Robo seinen angehenden Schwager Joey aus dem benachbarten Ballymoney, ober er keine Lust hätte, seiner kleinen Tiger mal richtig die Sporen zu geben. Das ist die Geburtsstunde der legendären Armoy Armada, einer Gang von wilden Racern. Fortan machen Frank Kennedy, Richard Kreith, Mervyn Robinson, Jim Dunlop und sein Bruder Joey, der später der erfolgreichste und beliebteste Straßenrennfahrer aller Zeiten werden soll, die Pisten ihrer Heimatinsel und der Isle of Man unsicher. Jungs wie diese gab es auch schon 1929, als zum ersten Mal das Northwest 200 gestartet wurde, welches heuer sein 80 jähriges Jubiläum feierte. Das Rennen zieht jährlich weit über 100.000 Zuschauer an und ist damit Nordirlands größte Sportveranstaltung. Ein furchterregend schneller Dreieckskurs, welcher das Städtchen Coleraine und die Küstenorte Portrush und Portsteward miteinander verbindet. Damals wie heute lassen die Windschattenduelle auf den kilometerlangen Geraden und ultraschnellen Kurven wie beispielsweise Mather's Cross den Zuschauern den Atem stocken. Wenn die Meute, nur marginal durch eine künstliche Schikane vorübergehend gebremst, mit irrwitzigem Speed vorbei an braven Einfamilienhäuschen auf die 90 Grad Ecke bei Metropol zupfeilt, brennt die Luft.
Wenige Stunden vorher: Über das gleiche Stück Asphalt, auf dem wenig später Alastair Seeley aus dem Slipstream von Ryan Farquhar herausstechen wird, um dann auf den letzten Drücker am Ortseingang von Porthrush die Reißleine zu ziehen, rollt der Anreiseverkehr. Früh muss vor Ort sein, wer einen guten Zuschauerplatz ergattern will. Dazwischen tuckert die Omi in ihrem betagten Austin auf dem Heimweg vom Friseur. Schließlich ist Samstag. Und es ist Mai. Seit sie denken kann, herrscht in diesem Monat eine Woche lang der Ausnahmezustand. Heute muss sie um 10 Uhr von der Straße sein.
Polizei BMWs und ein giftgrüner Focus RS mit Blaulicht und Sirene rasen vorbei. Was das bedeutet, weiß hier jedes Kind. Roads closed for racing. Jetzt bleiben einem noch wenige Augenblicke, um sich in irgendeine Wiese, auf einen Wall oder in einen Vorgarten zu verdrücken, sofern nicht mit 'Private Property' oder 'Prohibited Area' beschildert. Dann kommt noch der Rennarzt auf seinem 600er Supersportler samt Notfallrucksack und Packtaschen im Tiefflug vorbeigesegelt, gefolgt von einigen 'berittenen' Marshals auf dem Weg zu ihrem Posten.
Dann die Ruhe vor dem Sturm, ehe die erste Welle Bigbikes unter Getöse herangeflogen kommt. Eine einmalige Atmosphäre, vergleichbar mit der TT, nur das hier in großen Gruppen von über 20 Maschinen gestartet wird, während auf der Man bekanntermaßen immer zwei Mann im 10 Sekundenabstand „losgeslassen“ werden. Das Kennedy International Northwest 200 wird auch oft als Probegalopp für die Tourist Trophy gesehen.
Deswegen ist hier auch die Crème de la Créme der Road Racing Szene versammelt.
Steve Plater, John McGuinness, Bruce Anstey, Michael Rutter, Ryan Farquhar, Guy Martin – alle kann man sie hier nicht aufzählen. Fast ausschließlich englischsprachige (ja, das Irische zählt da auch zu, auch wenn es mitunter nur ganz entfernt so klingt) Piloten bevölkern das Paddock. Selten sieht man in der Startaufstellung 'Europeans' die sich in die Höhle des Löwen gewagt haben. Neben einigen Franzsosen und Italienern sind es in diesem Jahr hartgesottene, angstbefreite Naturen wie 'Our own' Rico Penzkofer, der zusammen mit dem Belgier Marc Fissette für das Macao Racingteam von Stefan Kühn an den Start geht. Fissette hat schon einmal fast das Kunststück fertiggebracht, Joey Dunlop quasi vor dessen Haustür beim Ulster GP zu besiegen, mußte sich nur knapp mit dem zweiten Platz begnügen.
Penz ist begeistert vom Northwest. Und fühlt sich gleich pudelwohl inmitten der anerkannten Cracks. Nach ein paar Besichtigungstouren im Mietwagen und wenigen Runden im einzig trockenen Dienstagstraining (wegen Regens am Donnerstag gab es keine Möglichkeit, die Zeiten zu verbessern) stellt er seine Yamaha auf den 21. Startplatz, was angesichts der Bedingungen eine prima Resultat ist. Im Rennen dann der starke 12. Platz unter 50 klassierten Fahrern und somit bester Rookie – Hut ab! In Deutschland wisse man gar nicht, was der Begriff „Schnell“ wirklich bedeutet, kommentiert er auf seiner Internet Homepage seinen ersten Eindrücke. Sein Team hatte die Maschine noch in verschiedenen Punkten für die besondere Beanspruchung modifizieren müssen. Dazu gehörte auch ein Schaumstoffpolster auf dem Tank zwecks Milderung der Schläge mit dem Helm auf den langen Geraden. Trotz langer Übersetzung dreht die R6 an den Begrenzer.
Der Rechberger Toni, passionierter Roadracer aus der Alpenrepublik und 12 maliger TT Teilnehmer, war mit seiner Suzuki das zweite Jahr am Start. Er war gleich im ersten Training mit einem Kupplungsschaden liegengeblieben, nach erfolgreicher Reparatur dann aber zwei Zielankünfte zu verzeichnen und absolut happy. Überhaupt fällt die herzliche Atmosphäre im Fahrerlager auf. Zwar sind die Top-Teams mit riesigen, noblen Trucks angereist, aber dennoch wirkt hier alles irgendwie familiär und relaxed. Da die Trainingssessions jeweils erst am späten Nachmittag stattfinden, bleibt viel Zeit auch für's Publikum, ihre Heroes aus der Nähe zu begutachten, vielleicht sogar ein kurzes Schwätzchen zu halten und natürlich das obligatorische Foto mit dem Lieblings-Star für's Album zu Hause zu machen. Sogar die örtliche Grundschule macht einen Ausflug ins Fahrerlager. Von den offensichtlich fachkundigen Lehrern wurden die Kids, bewaffnet mit Blöckchen und Kulis, auf ihrer Autogrammjagd durch die kleine Zeltstadt geführt.
Motorsport is dangerous – diese besondere irische Art des Sports ist naturgemäß eine Portion gefährlicher als normale Rundstreckenrennen. Es wird zwar alles menschenmögliche getan, gefährliche Stellen zu entschärfen, eine hundertprozentige Sicherheit wird man aber niemals erreichen können – und wahrscheinlich auch nicht wollen.
Oberste Priorität bei diesem und ähnlichen Real Road Races: nicht runter fallen. Stürze sind absolut verboten, es gibt wenige Stellen, an denen man die Aussicht hat, nach einem Abflug unversehrt wieder aufzustehen.
Dieses Glück blieb Marc Young, einem hoffnungsvoller Nachwuchspilot, leider versagt. Mather's Cross wurde ihm, wie schon vielen Fahrern vor ihm, zum Verhängnis. Seinen schweren Verletzungen erlag er einen Tag nach seinem Sturz im Krankenhaus von Colraine.
Im vorigen Jahr war es Joeys Bruder Robert Dunlop, einer der erfolgreichsten Piloten beim Northwest 200 überhaupt, im Training der 250er Klasse zu Tode gekommen. Diesen Unfall kann man aber nicht der Strecke anlasten, er hätte so wahrscheinlich auf jeder anderen Piste passieren können. Roberts Maschine war festgegangen. Er ging zu Boden und wurde von einem im Windschatten folgenden Konkurrenten erfasst. Ohne Chancen auszuweichen, bei dem extremen Speed.
Dunlops Sohn Michael hatte nur vier Tage später den Sieg in genau diesem Rennen errungen. Wohl einer der emotionalsten Momente in der Geschichte der Veranstaltung.
Trotz aller Schicksalsschläge schreibt die Familie Dunlop weiter Renngeschichte: William, der ältere Bruder von Michael gewinnt dieses Jahr erstmals beim Northwest und das gleich zwei Mal. Mit der 125er fährt er einen überlegenen Sieg ein, in der 250er erbt er den obersten Podestplatz, nachdem sein in Führung liegender Bruder in der berüchtigten Juniper-Schikane vom Kontrahenten Chris Elkin abgeräumt wird. Michael klopft sich wutentbrannt den Staub aus dem Leder, geht im anschließenden Supersport Rennen an den Start und belegt dort den dritten Platz.

Aus dem Dunlop-Clan ebenfalls am Start sind Paul Robinson, der Sohn von Mervyn 'Robo' sowie Sam Dunlop, der von seinem Vater Jim, dem letzten Überlebenden der Armoy Armada, mit Rat und Tat unterstützt wird.
Routinier Steve Plater, landet an diesem Tag einen Doppelsieg in den Klassen Superbike und Supersport. Das verbleibende Superstock Rennen geht an aufstrebenden Nordiren Alastair Seeley.
Alljährlich kommen angesichts schwerer Unfälle Diskussionen über den Sinn solcher Rennen auf. Ryan Farquhar, einer der angesehensten Fahrer der Szene bringt es auf den Punkt. Straßenrennen sind für viele von uns wie eine Droge, eine Sucht. Man kann nicht davon lassen. Es wäre idiotisch zu behaupten, dass es keine Gefahr gibt. Jeder, der hier fährt ist sich dessen bewusst. Es ist immer tragisch, wenn ein Sportkamerad stirbt. Man muss irgendwie damit klarkommen. Man verdrängt es und denkt, es wird mir nicht passieren.
Meine Frau hätte gerne, dass ich aufhöre. Aber irgendwie ist es für mich nicht mehr alleine ein Sport, es ist mein Leben. Wenn es einen treffen soll, kann das auch ein Verkehrsunfall oder eine Krebserkrankung sein. Ich glaube nicht, dass mir auf der Strecke etwas zustößt, aber man weiß nie...
Immerhin geht man keine unnötigen Risiken ein. In diesem Jahr wurden wegen des unbeständigen Wetters die letzten beiden Rennen des Tages abgesagt. Wenn an einem Ende gut 14 km langen Kurses die Straße nass ist, zwischendurch nur feucht und bei Start und Ziel knochentrocken, dann will niemand wirklich eine Horde Superbikes in den Kampf schicken, von denen einige mit geschnittenen Slicks ausgestattet sind.
Aber auch dieses Jahr war wieder festzustellen – der Geist der Armoy Armada lebt. Und sicherlich wird auch in Zukunft wieder ein junger Heißsporn, den Traum vom Sieg in Portstewart oder bei der TT im Kopf, auf einer entlegenen Landstraße die letzte Tuningstufe seines Renners testen. Vor dem großen Rennen.




